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Autor: Kerstin Kolvenbach

Geschichten von der Straße – 1 Jahr unterwegs

Geschichten von der Straße – 1 Jahr unterwegs

Heute haben wir Grund zu feiern! Vor exakt einem Jahr stürzten wir uns ins Abenteuer und flogen von Düsseldorf über London nach Halifax. Es war ein komisches Gefühl da am Terminal, berauschend aber auch beängstigend. Heute können wir sagen, dass wir unseren Traum leben und das Glück gefunden haben. Nicht immer war und ist alles perfekt, aber doch meistens nah dran. Wir sind gespannt was die Zukunft bringt und dankbar für jeden Tag, den wir reisen können.

Trotzdem, wir vermissen euch ein bisschen!

Tag 336-358 | Rancho Pacifico Baja, El Pescadero, Baja California Sur, Mexico

Tag 336-358 | Rancho Pacifico Baja, El Pescadero, Baja California Sur, Mexico

Ich kanns selbst kaum fassen, aber wir sind ernsthaft schon 3 Wochen auf der Ranch.

Unsere Abreise aus dem Haus hatte relativ spontan stattgefunden. Eigentlich wollten wir die bezahlte Woche aus Prinzip noch ausharren, aber nachdem das Internet und der Strom in der Küche abgedreht wurden saßen wir nur noch mies gelaunt rum und wussten nichts mehr mit uns anzufangen. So packten wir kurzerhand schon am Nachmittag, stoppten an Supermarkt und Wäscherei und fuhren dann zu Willow und Lee. Die hatten es sich schon richtig gemütlich gemacht. Wir parkten, packten die Stühle aus und freuten uns wie Könige über den Abend mit Lagerfeuer. Spät aber glücklich fielen wir dann nach knapp 6 Wochen wieder in Brunos Bett. Einfach nur fantastisch. Kein Hundegebell, keine lärmenden Autos, keine Hühnerfarm, nur die Grillen und der Wind.

In der ersten Woche beschlossen wir dann, so richtig produktiv zu werden und einige Projekte anzugehen die unter das Stichwort „Bruno 2.0“ fallen und eigentlich für nach unserer Rückkehr nach Hause anstehen sollten. Nach fast einem Jahr auf Reisen gibts so einiges, was wir verändern wollen, auch wenn wir insgesamt durchaus zufrieden mit unserem Erstwerk sind. Dank vorübergehendem „festen Wohnsitz“ konnten wir bei Amazon bestellen und unsere Pakete zwar nicht ganz so zügig wie gewohnt, aber immerhin verlässlich nach ein paar Wochen Lieferzeit beim netten Paketshop im Dorf abholen. Den Rest der Materialien suchten wir uns bei Shoppingtouren in den örtlichen Baumärkten und bei einem ausgiebigen Ausflug nach La Paz zusammen.

So ist uns definitiv noch nicht langweilig geworden. Lee und Willow ersetzen ihr komplettes Stromversorgungssystem durch neue Lithiumbatterien, neue Laderegler und ein neues Solarpanel. Auch ihre Solaranlage hat in Mexico schlapp gemacht und die AGM Batterien sind hinüber. Hanno ist stetiger Berater und Werkzeugausleiher. Wir machen an Bruno lieber ein paar kleinere Baustellen auf. So haben wir mittlerweile eine schicke LED Außenbeleuchtung unter der Markise inklusive Dimmer und Schalter an der Türe. Ziemlicher Luxus nicht mehr im dunklen draußen zu sitzen. Sowohl an den Hecktüren als auch am Seiteneingang befinden sich jetzt Moskitonetze, die uns gerade vor den unglaublich nervigen und vielzähligen Fliegen bewahren. Zusätzlich habe ich die alten brüchigen Netze im Pop-up Dach komplett rausgetrennt und durch neue ersetzt. Vor der Arbeit hatte ich mich schon seit dem kanadischen Sommer gedrückt. In ein paar Stunden war dann dank ordentlicher Leiter, die wir von unseren Gastgebern liehen, alles erledigt. Die Handbremskontrollleuchte funktioniert nach einem Jahr nun auch endlich und die Offroadscheinwerfer bekamen eine neue Sicherung verpasst, nachdem die alte durchgebrannt war. Die Kabel für den Tacho haben wir auch durchgecheckt und die Verbindungen überprüft, da er immer mal wieder spinnt und auf 140 km/h steht (schön wärs, haha!). Hanno hat außerdem ein sehr aufwändiges aber auch sehr cooles Staufach für den Bereich zwischen Hinterrad und Heckleuchte geplant und gebaut. Ist ziemlich perfekt geworden, trotz mittelmäßigen Arbeitsbedingungen, Material und Werkzeug. Das spiegelverkehrte Kasten für die andere Seite folgt hoffentlich noch, wenn wir neue Sägeblätter finden. Heute haben wir dann noch alle Kisten im Kofferraum neu organisiert, inventarisiert und sauber gemacht. Das gleiche haben wir schon mit der Wohnkabine hinter uns. Doofe Arbeit, aber jetzt wissen wir zumindest wieder was wir haben und wo es ist.

Unser Projekt mit neuen Gasfedern für das Pop-up Dach ist leider nochmal zurück gestellt, da auch die neu eigebauten Gasfedern für die neue Solaranlage und die Surfboards zu schwach sind. Weitere  nochmal stärkere Federn sind auf dem Weg und hoffentlich nächste Woche da…

Außerdem haben wir mittlerweile alle Surfboards geputzt, entwachst und eins hat einen neuen Anstrich bekommen. Da durfte ich mich nochmal richtig austoben. Hat Spaß gemacht und ich freu mich jetzt schon riesig aufs nächste Mal Wellen reiten. Echt gemein, dass das Strandverbot genau kam, als wir uns endlich an die großen Wellen ran getraut haben. oh, wir haben Sehnsucht nach dem Meer!

Außerdem sind Hanno und Lee in die hohe Kunst des Fermentierens eingestiegen und es gibt nun regelmäßig Ginger Beer, fermentierte Ananas und Mango. Der Genuss der Getränke mit unbekannter Alkoholmenge führt meistens zu feuchtfröhlichen, langen Abenden am Lagerfeuer. Gutes Zeichen, noch ist keiner von uns erblindet. Zusätzlich hat Hanno sich zum Geburtstag ein Bierbrauset gewünscht und bestellt. Ab morgen wird also Bier gebraut. Kölsch und ein Pale Ale. Ich bin gespannt, obs genießbar ist. Über Reinheitsgebot müssen wir bei den Bedingungen hier wohl gar nicht erst sprechen. 

Hauptsache er hat Spaß 🙂 

Eigentlich war der ursprüngliche Plan zur Ranch, dass unsere Gastgeber zurück nach Kanada gehen und wir die Ranch „sitten“. Die zwei wurden letztes Jahr im Sommer während ihrer Abwesenheit leider bestohlen und freuten sich, dass wir nun da waren. Nach einer Woche haben sie aber ihre Pläne über den Haufen geschmissen und bleiben jetzt doch über den Sommer hier. Wir haben daher angeboten mit zu helfen, wenn beim Bau was ansteht. Bisher sind nur der Steinofen, die Palapa, die Komposttoilette und die Dusche fertig. Die zwei sind sehr darauf bedacht ökologisch zu leben und wollen ein Eco-Retreat auf dem Hügel bauen. Ihre Pläne klingen herausragend und wir können uns gut vorstellen, wie das ganze am Ende aussieht. So kamen wir letzte Woche schon in das Vergnügen eine neue Feuerstelle anzulegen, die mit einem Panoramablick über die Küste besticht. Außerdem haben wir  auf der Ranch einen Vormittag lang aufgeräumt. Größte Herausforderung war wohl eine 100 m lange und 10 m breite Plane neu zu falten. Gut, dass die viel Platz haben da oben. Bei 35 Grad kamen wir ganz schön ins schwitzen. 

Einige Abende haben wir mit Dane und Sabrina und ihren 7 Hunden schon oben an der Palapa verbracht. Die Sonnnenuntergänge über dem Meer sind grandios. Unser Highlight bisher war die selbstgemachte Sauerteigpizza aus dem Steinofen. Jeder durfte seine Pizza belegen und wir haben eine Flammkuchenversion gemacht, die sehr gut angekommen ist. Wenn wir die Abende oben sind gibts eigentlich immer reichlich Bier und Ceasar (Tomatensaft, Wodka, Limette, Chilli) und das ein oder andere gesunde grüne Tütchen. Selbstverständlich eigens angebaut. Sabrina und Dane ackern ohne Ende auf der Ranch und sind voller Energie. Zusätzlich verkaufen sie jedes Wochenende gesunde Kost und Getränke im Dorf. Sauerteigbrot, Kombucha, Bananenbrot, Sauerkraut etc. Die zwei sind mit ihrer lässigen Lebenseinstellung, ihrem Tatendrang, ihrem Hunderudel und ihrem charmanten Chaos unglaublich liebenswerte Menschen. Wir sind heilfroh, dass wir zurück nach hier kommen konnten und mit offenen Armen und einem Lächeln empfangen wurden.

Das neue Leben auf der Ranch ließ uns die Turbulenzen mit der Vermieterin schnell vergessen und wir können nun drüber lachen, was da so passiert ist. Nicht vergessen konnten wir allerdings die Katzen, vor allen Dingen den heimatlosen kleinen Chico. Bei unserer Abreise hatten wir zwei große Säcke Futter dagelassen und den Herrn des Hauses persönlich gebeten die drei Katzen zu füttern (von denen zwei dort zu Hause waren). Bei unserem Shoppingtripp ins Dorf eine Woche später konnten wir es uns nicht verkneifen, nach den Katzen zu sehen. Schockiert stellten wir fest, dass das Futter unberührt an Ort und Stelle stand und die Katzen hungerten und kein Wasser hatten. Unglaublich, dass diese Frau sich mit ihrer Schildkrötenauswilderung (die nach genauerem Betrachten irgendwie auch fragwürdig ist) als Tierschützerin darstellt und ihre eigenen Katzen so vernachlässigt.

Der Gedanke Chico zu adoptieren hatte uns auch auf der Ranch nicht los gelassen. Wir drehten und wendeten weiter alle Möglichkeiten und Optionen. Es ging um Tierwohl, Autofahren, Grenzüberquerungen, den Rückflug nach Hause irgendwann in Zukunft. Eigentlich hatte Chico ja längst entschieden und ziemlich deutlich gemacht, dass er bei uns sein möchte. Er hat die letzten Tage am Haus dauernd in Bruno gesessen und ist uns auf Schritt und Tritt gefolgt. Der überstürzte Abschied eine Woche zuvor hatte sowohl Hanno als auch mir das Herz gebrochen. Als wir nun am Haus standen kam der Kater direkt angelaufen und war in desolatem Zustand. Ein dicker Abszess zwischen seinen Vorderbeinen und tiefe Wunden zeugten von harten Tagen und Nächten. Damit hat er uns dann wohl endgültig die Entscheidung abgenommen, trugen ihn zu Bruno und es ging auf direktem Weg zum Tierarzt. Mit Antibiotika im Gepäck und der Verantwortung für diese kleine Seele ging es dann zurück zur Ranch. Chicos erste Tage hier bestanden aus essen, trinken und schlafen. Absolut lethargisch. Wir hatten nun die Fakten: 7 Monate alt, 2,5 kg leicht, krank. Da waren Sorgen vorprogrammiert. Mit dem Antibiotika ging es ihm zum Glück täglich besser und aus dem passiven, erschöpften Kätzchen wurde innerhalb von zwei Wochen ein kleiner Rabauke. Er lernte schnell durch das Moskitonetz ins Auto zu springen, wir trainierten ihn an ein Glöckchen um ihn abends rein zu holen (Glöckchen=Nassfutter) und freuten uns darüber, dass er endlich anfing zu spielen. Er folgt uns weiter auf Schritt und Tritt und entfernt sich nur mit kleinem Radius von Bruno. Sobald man ihn ruft, ist er da. Hoffentlich bleibt das so. 

Von Willows und Lees Katze Aimee lernt er so einiges und präsentierte uns letzte Woche seine erste gefangene Maus. Die zwei haben eine richtige Katzenfreundschaft entwickelt und streifen gemeinsam durch die Gegend. Oft findet man sie auf den Bäumen oder beim fangen spielen oder beim Versuch die ziemlich flotten Echsen zu fangen. 

Nach der ersten Woche machten wir einen weiteren Termin für die Kastration, das Impfen und das Einsetzen des Chips. Den Verlust seiner Hoden steckte der Kleine leider nicht ganz so gut weg und er war ziemlich lange auf nem ziemlich harten Tripp vom Narkosemittel. Mittlerweile hat er sich vollständig erholt und wir haben die erste lange Autofahrt und den ersten Tag in der Stadt hinter uns. Autofahren liebt er. Er sitzt am Fenster oder liegt auf dem mittleren Sitz zwischen uns. Zum Glück, denn das gehört ja irgendwie erstmal dann zu seinem Alltag. 

Dank Amazon konnten wir dann auch so einige Dinge besorgen, denn für Katzen gibt es in Mexico maximal Trocken- und Weichfutter. Halsband, Kühlpad zum draufliegen, Katzenrucksack, Geschirr und Leine. Chico ist nun gut ausgestattet für sein Leben als Reisekatze. Ein Katzenklo haben wir auch schon gebaut, dass hat er allerdings noch nicht verstanden und spielt lieber mit dem Sand und der Klappe. Hier geht er aber eh immer draußen und wir hoffen einfach, dass ers kapiert, wenn er mal nicht raus kann.

Ab heute öffnen die ersten Strände wieder und die Bierknappheit ist auch Vergangenheit. Wir schauen somit optimistisch auf den nächsten Monat und sind gespannt wie das Ganze mit Chico klappt, wenn wir wieder richtig Reisen. Uns ist klar, dass wir, wenn es gar nicht geht, liebe Menschen finden müssen, die dem kleinen eine Heimat geben, die er leider am Haus nicht finden konnte. Aber bisher sind wir positiv gestimmt und er lässt uns deutlich spüren, wie dankbar er uns ist (trotz abgeschnittener Eier). Es fühlt sich richtig an, dass wir ihn nicht im Stich gelassen haben, auch wenn wir verstehen können, dass nicht alle diese Entscheidung nachvollziehen können. Das es nicht der Plan war ein Tier zu adoptieren, müssen wir vermutlich keinem sagen. Wir wissen, dass wir durch diese Herzens-Entscheidung definitiv ein Stück unserer Freiheit eingetauscht haben. Manchmal spielt das Leben halt verrückt und auf dieser Reise läuft ja eh von Beginn an alles anders als geplant…

Ab jetzt gibts also hoffentlich Berichte von meinen Abenteuern mit drei Männern: Hanno, Bruno und Chico. 🙂